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<--Sonntag im Mai

Ein Apfel aus Sainte-Marie-aux-Mines

Bunter Weißwäschequilt-->

von Monika Altmann

Apfel aus Ste.Marie-aus-Mines

Monogram-Weißwäschequilt Detail

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Wie jedes Jahr gibt es beim internationalen Patchwork-Treffen so viel anzuschauen, dass man gar nicht alles schaffen kann. Eine dieser Ausstellungen befindet sich im Stadtmuseum von Sainte Marie, wo ich heute endlich einmal hingekommen bin. Es gibt einen Saal zur Geschichte des Silberbergbaus und darunter ein Weberei-Museum.

Als ich in den Saal mit den Webstühlen kam, war da plötzlich ein Duft – eine wunderbare Mischung aus Maschinenöl und Garnen – und ich fühlte mich sofort in meine Kindheit versetzt. Mein Vater war Webmeister, und wir Kinder durften ihn natürlich oft bei seiner Arbeit besuchen, später habe ich als Schülerin auch selbst dort in den Ferien ein bisschen Geld verdient. In den Websälen roch es genauso – bitter und weich – und es herrschte ein Höllenlärm!
Im Museum fand ich jetzt genau den gleichen Maschinentyp, wie ich ihn aus meiner Kindheit kannte, und ich sprach den französischen Mitarbeiter an, der gerne zu Erklärungen bereit war. Diese „Vorkriegs“Maschinen aus den 40er Jahren waren in der DDR noch bis zur Wende gelaufen - zu meiner Überraschung erzählte er mir, dass dies im Elsaß ebenso war, diese Maschinen mit den großen hölzernen Schützen, die den Schussfaden transportieren, und mit den breiten Lochkarten, die das Programm für das Muster beinhalten, waren auch im Val d’Argent bis in die 80er Jahre verwendet worden. Und bei uns herrschte die Meinung, nur im Osten, in der DDR hätte man mit solch alten, nicht mehr effektiven Maschinen gearbeitet, weil der Osten eben rückständig ist…

Wir fanden noch mehr Gemeinsamkeiten: Ich sagte ihm, dass bei uns Offizierstuche für die Sowjets gewebt wurden – aber auch hier im Elsaß wurde für die Sowjetarmee produziert und von den Russen selbst mit Militär-LKW mit der Aufschrift CCCP abgeholt…
Ich erzählte ihm, dass in meiner Heimat, der Oberlausitz viele, heute denkmalgeschützte, sog. Umgebindehäuser stehen, Fachwerkhäuser, deren Erdgeschosse mit dicken Holzverstrebungen in Bogenform versehen sind, um unter anderem vor den Erschütterungen durch die Webstühle zu schützen. Und erfuhr, dass es auch hier im Elsaß diese besonders gesicherten Häuser gibt – allerdings ist hier das Umgebinde nicht in Bogen- sondern in Zickzack-Form…

Die Weberei hatte zunächst als Broterwerb der Bergleute im Winter gedient, die dann nicht in den Berg konnten. Der Silber- und Kupferbergbau wurde vor ca. 100 Jahren eingestellt, aber die Textilindustrie war nun weit verbreitet …
Er hat mir noch viel über die Geschichte der Weberei im Val d’Argent erzählt, in dem es einmal etwa 100 Textilfabriken gab, wo auch kostbare Brokate und Jacquardstoffe, u. a. für berühmte Marken wie Chanel hergestellt wurden – bis schließlich die Produktionsstätten nach Asien verlegt und nach und nach alle Fabriken geschlossen wurden. Was bleibt, ist nur das Museum…
Es war der Lauf der Geschichte, der nirgends halt macht, nicht in meiner alten Heimat, der Lausitz und auch nicht im 1000 km weiter westlichen Elsaß…

Später kam dann eine junge Frau dazu, seine Tochter, und ich habe mich verabschiedet. Als ich dann im Ort weiterging, fand ich einen Verkaufsstand, wo es kleine Probe- und Reststücke von genau den Jacquard- und Bouclé-Stoffen gab, von denen er gesprochen hatte, und die Verkäuferin war – seine Tochter. Sie sprach mich sofort an und wir unterhielten uns noch eine Weile. Sie sagte mir, ihr Vater würde es ja nie zugeben, aber er würde doch sehr darunter leiden, dass die Textilindustrie hier praktisch nicht mehr existiert. Und, wie er mir sagte, kann er – so wie ich - nicht von seiner Liebe zu den Maschinen, Mustern und Stoffen lassen – sie sind für ihn wie eine Droge…

So habe ich aus Sympathie, Verbundenheit und Liebe einige von den Brokatstücken gekauft, sie sind jetzt auch kostbar für mich.

Und nun bekommst du diesen Apfel, der das alles kennt: die herrliche Duftmischung aus Maschinenöl und Garnen, den unglaublichen Lärm der Websäle, die eisernen Webstühle mit den Lochkarten und Holzschützen - und den Mann, dem es die Kehle zuschnürt, dass es all die schönen Webereien nicht mehr gibt…

Monika Altmann


 

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